Ein Orca auf Abwegen
Der noch junge Orca Sigmund, von allen nur Siggi genannt, hat heute seine erste Unterrichtsstunde in der Walschule "Orcansia". Siggis erstes Fach an diesem Tag war die Robbenjagd. Schon im Vorhinein haben ihm seine älteren Geschwister von diesem Fach berichtet und waren bereits voller Vorfreude, dass auch Siggi bald ein eiskalter Killer wird. Siggi aber hatte gar keine Lust auf dieses Fach und hätte seine geistigen Kapazitäten gerne anderweitig eingesetzt.Aber nun ja, als Orca muss man wahrscheinlich jagen können, denkt er sich.
Die Lehrerin macht es ihnen also einmal vor, gleitet durch das Meer und erlegt in Nullkommanix eine Robbe. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 1B sollen es ihr dann dann genauso nachmachen. Bei manchen klappt es bereits ganz gut, bei manch anderen Schülern sind hingegen noch weitere Übungseinheiten nötig.
Alle machen es so, wie die Lehrerin es vorgemacht hat – außer Siggi.
Siggi will weder jagen, noch hat er Appetit auf Fleisch, und schon gar nicht will er irgendwelche unschuldigen Robben jagen und sie dann auch noch töten. Also sträubt er sich und legt ein Veto ein!
Die Leherin spricht daraufhin ein ernstes Wort mit dem jungen Orca: „Siggi, du musst lernen zu jagen, du kannst nicht immer von der Milch deiner Mutter leben!“
Siggi aber bleibt bei seinem Veto und jagt keine Robben. Er bleibt zwar in der Schule und guckt sich alles an, mitmachen möchte er dabei aber nicht.
Als er am Nachmittag dann nach Hause kommt, ist seine Mutter natürlich schon längst informiert und kann es nicht fassen.
„Hör mir mal zu mein Junge, du musst jagen, um zu überleben!“
„Aber Mama, dafür muss ich jemand anderen töten, damit ich lebe. Ist das nicht irgendwie paradox?“
„Nein, das ist es nicht. Damit halten wir das ökologische Gleichgewicht des Meeres aufrecht! Bei der nächsten Stunde wirst du jagen, verstanden?“
„OK …“ antwortet Siggi leicht traurig und enttäuscht.
Bei der nächsten Unterrichtsstunde sträubt sich Siggi natürlich erneut und will partout kein anderes Lebewesen töten, um selbst zu überleben.
Dann kommt endlich das Schulfach Biologie dran. Auf dieses Fach freut er sich schon den ganzen Tag. Da geht es um sämtliche Pflanzen die im Meer wachsen – welche davon gefährlich und welche ungefährlich sind.
Siggi lauscht ganz gespannt dem Unterricht. Dieses Fach findet er deutlich interessanter als dieses blöde Robbenjagen. Hier lernt man endlich mal was Vernünftiges.
Es vergehen einige Monate, und Siggi ist immer noch nicht bereit zu jagen. Seine Mutter will und kann ihm aber auch keine Milch mehr geben. Siggi ist viel zu groß geworden. Also muss er nun endlich jagen, wenn er nicht sterben will.
Siggi steckt in einem Dilemma! Die Robben oder er? Einer muss sterben!
Er muss gründlich überlegen, was er tun will. Aber hier in der Walschule ist zu viel los. Hier kann er keinen klaren Gedanken fassen. Also lässt er sich nach unten sinken, bis er zwischen Gräsern, Seetang und einigen anderen Pflanzen einen guten Ort zum Nachdenken gefunden hat.
Er grübelt und hadert mit sich. Er will das alles nicht. Es muss doch eine Alternative geben!
Ihm fällt aber nichts ein, und aus purem Frust schlägt er mit seiner Schwanzflosse auf den Meeresboden und beißt dabei in die Gräser die um ihn herum so wachsen. Dann beißt er nochmal in die Gräser, kaut sie ordentlich durch, schluckt sie runter und merkt, dass sein Hunger nachgelassen hat.
Er schaut sich die Gräser an und stellt fest, dass es genau die Gräser sind, die seine Biologielehrerin als ungefährlich beschrieben hat.
„Ok“, denkt er sich, „vielleicht kann man sich ja auch so ernähren? Ich probiere es morgen erneut, und vielleicht versuche ich noch das ein oder andere Gewächs ebenfalls.“
Am nächsten Tag schwimmt Siggi wieder zu der Stelle, an der er all die Gräser gesehen hat, und probiert sich fröhlich durch.
Da Siggi besonders gut in Bio aufgepasst hat, weiß er ganz genau, welche Pflanzen er essen kann und welche nicht.
Siggi hat richtig Spaß und versucht teilweise sogar gewagte Kombinationen mit Seetang, Schilf und leeren Schneckenhäusern, die dem Ganzen einen gewissen Crunch geben.
Es scheint alles zu schmecken, und sein Magen macht auch keine Probleme. Ganz im Gegenteil – er fühlt sich blendend.
„Na also, ich habe meine Ernährung gefunden!“
Fortan ernährt sich Siggi also nur noch von Pflanzen und leeren Schneckenhäuschen, die sowieso überall herumschwimmen. Er hat auch bereits tolle Gerichte entwickelt und erfindet stetig neue dazu.
Nach und nach werden nun die anderen Wale auf Siggis treiben am Meergesgrund aufmerksam und schwimmen neugierig zu ihm rüber.
Siggi erzählt ihnen von seinen Kreationen und bietet sie seinen Freunden großzügig an.
Diese sind erstmal aber wenig begeistert und wollen weiterhin ein schönes Robbensteak sowohl zum Frühstück, zum Mittag, als auch zum Abendessen.
„Na gut“, denkt sich Siggi, „dann bleibt eben mehr für mich.“
Und so ziehen weitere Monate ins Land, an denen Siggi sich ausschließlich von den Pflanzen um ihn herum ernährt.
Im Gegensatz zu seinen Kumpels die auf Robbenfleisch stehen und bei denen das ein oder andere Bauchröllchen zu erkennen ist, ist Siggi top in Form ist hat kein Gramm zu viel am Körper.
Und dazu schwimmt Siggi auch noch schneller als all seine Kumpels, obwohl er bloß dieses Seetangzeug isst …
Irgendwann dann aber, nach ein paar weiteren Monaten und noch mehr Röllchen um die Hüften, hat einer seiner Klassenkameraden allen Mut zusammengenommen, ist runter zu Siggi geschwommen und hat sich durchprobiert.
„Und?“, fragte Siggi ganz gespannt. „Wie findest du es?“
„Gar nicht mal so schlecht!“
antwortete sein Kumpel. „Und wenn ich mich ab jetzt nur davon ernähre, verliere ich dann die ganzen überflüssigen Polster und kann auch wieder schneller schwimmen?“
„Gut möglich. Du solltest es auf jeden Fall mal ausprobieren!“
antwortete ihm Siggi. Und mit der Zeit kamen immer mehr seiner Kumpels, um ebenfalls das anstrengende Robbenjagen zu vermeiden und dabei auch noch die überflüssigen Pfunde zu verlieren.
Es dauert eine Weile, aber irgendwann hat es sich dann rumgesprochen, dass es da einen Orca am Meeresboden gibt, der ganz fantastische Seetang-Burger zubereitet.
Und so wurden es immer mehr, bis es irgendwann so viele waren, dass Siggi fast ein Geschäft aufmachen könnte.
„Das ist es! Ich mache mich selbstständig!“
Und so gründete Siggi seinen eigenen veganen Burger-Seetang-Leere-Schneckenhaus-Verschiedene-Gräser-Laden. Und das Geschäft läuft!
Es kommen mittlerweile nicht nur Orcas vorbei, sondern auch Belugas, Rochen, Thunfische und viele weitere, die alle begeistert von Siggis Kreationen sind.
Und nicht nur die sind begeistert – Siggis Mutter ist es ebenfalls und war der erste Stammgast in Siggis Restaurant!
